Agnes Deruma

ARTIST SPOTLIGHT: DANIELA TRINKL

Agnes Deruma talks with Daniela Trinkl about her project during her residency at PILOTENKUECHE Leipzig

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Daniela Trinkl is fascinated by boxes. For the Viennese-based ceramicist, this interest extends to boxes of any kind, but is heightened by reliquary shrines. She is interested in science fiction, animism and bringing life to inanimate entities. Daniela not only finds the craftmanship of these objects remarkable, but also the spiritual value that people assign to them. She firmly believes that there is a 5th incorporeal dimension that is present in every art piece, but is not yet directly observable.

In Daniela’s PILOTENKUECHE atelier I find almost embryo like shaped objects. They stand alone or are exhibited on the wall. And true to form, some can be found in liquid filled boxes, some submerged in a synthetic pink hued silicone and others in milky epoxy resin. It almost looks like a laboratory of a modern-day alchemist, where these creatures will soon come to life. 

To give birth to these objects Daniela plays with common natural materials such as clay and porcelain, as well as with man-made ones, bringing Sci-fi aesthetics to the table. Contrary to reliquary shrines that carry memories from past lives, her creations might come from the future. One could say that they are living beings, but from a different world, perhaps like ambassadors of the 5th dimension.

Her working approach is very organic, she starts by simply doing, thus inviting a flow of ideas and letting herself be guided and carried. She also mentions that the shape of an object does not always come in a visual form, it is almost as she can feel it within herself. It arrives from within, yet from somewhere outside. In her eyes, the artist functions almost as a medium, bringing something celestial to the world. In a way every art piece embodies an element, or a message hidden in a plain sight.  

Daniela stresses the importance of symbiosis between an art piece and its consumers. In fact, the interaction with the audience is the most interesting part for her, regardless the reaction or an absence thereof.

Katja Schöwel

OPENING BOXES

VOM ÖFFNEN VON SCHACHTELN UND UNS SELBST

„Opening Boxes“ - Daniela Trinkl liefert mit diesen beiden Worten sowohl den Titel für ihre Werkreihe als auch die Beschreibung einer gerade stattfindenden Handlung. Schachteln werden geöffnet. Ein Universum an Möglichkeiten und Gedanken zu diesem Bild öffnet sich mit.

Es handelt sich bei besagten Arbeiten um Kombinationen von Objekten aus unterschiedlichen Materialien in zugehörigen Pappschachteln. Im jeweiligen Verbund von Innen und Außen formieren sich diese zum „Schachtelobjekt“.

In ihrer Gedankenwelt schickt die Künstlerin diese auf Reisen. Sie stellt sich vor, wie sie zu anderen Personen gelangen, unerwartet, nicht bestellt, wie sie dort einfach erscheinen. Als hätten sich die Schachtelobjekte ihre Empfänger selbst ausgewählt oder als seien sie gar einem unbewusst geäußerten, leisen Ruf dorthin gefolgt. Wie zugeflogene Vögel werden sie jetzt in Empfang genommen, betrachtet, wahrgenommen, geöffnet und schließlich auch beachtet und versorgt.

In dieser imaginierten Weiterführung finden die Schachtelobjekte einen gemeinsamen Abschluss. Zugleich schließt sich mit der Phantasie des Ankommens bei einem Empfänger auch auf formaler Ebene ein Kreis, denn das Material, aus dem Daniela Trinkl ihre Arbeiten fertigt, kam einst auf ähnliche Weise zu ihr. Mit der Post, nach Hause geliefert, als Schachtel und Hülle, mit Inhalt bestückt. Die Materialien im Innen und Außen der Schachtelobjekte sind sich ähnlich, alles hier ist aus dem Beiwerk des Versendens geschaffen. Verpackungs- und Dämmlösungen aus Papier, Bauschaum oder Luftpolster, Wellpappe und transparentes Klebeband formieren sich nun, jenseits funktionaler- in je neuer Form. Geknüllt, zurechtgeschnitten, angemalt, oder gebündelt. Die neuen Formen bilden Einheiten, die sich, sortiert in ihr je eigenes Gehäuse, durch Reihung und Wiederholung auszeichnen. Trotz Serialität beharrt dabei jede der Formen auf ihrer Individualität. Die Struktur ist gleich, der Unterschied liegt im Detail. Das massive Auftreten in der Formwiederholung macht ein Übergehen oder Nichtwahrnehmen ihrer Präsenz unmöglich.

Verschlossene Päckchen und Pakete enthalten das haptisch – visuelle Erleben des Entpackens. Sie wecken Erinnerungen an bestimmte Feiertage, an Weihnachten oder an Geburtstage und stehen mit bestimmten Gefühlen in Zusammenhang. Solche reichen von Freude über das Erhaltene, über Neugier in Bezug auf den möglichen Inhalt bis hin zu der Konzentration in dem Moment, an dem die Distanz überwunden wird, um sich dem Inneren der verpackten Gabe zu widmen: Die sich lösende Anspannung im Moment des Öffnens der Schachtel. Dieses spezielle Gemisch erinnert an die Kindheit, in der die nicht alltägliche Wirkung des Erhaltens und Umgehens mit solchen Objekten besonderen starken Eindruck hinterlässt.

Üblicherweise endet die oben angesprochene Vorstellungsmaschinerie bezüglich möglicher Inhalte im Angesicht von Verpacktem dann, wenn die Hülle fällt, wenn das bis dahin Unbekannte ans Tageslicht kommt. Erkannt und zugeordnet sind alle Vorstellungen und möglicherweise auch Wünsche bezüglich des zuvor verschleierten Schachtelinnenlebens passé. Was vor uns liegt, begeistert, gefällt oder enttäuscht entsprechend der Tatsache, ob es uns passt, gewünscht war, gerade recht kommt oder eben nicht. Die Frage danach, wie es sich in unser alltägliches Leben einfügen lässt, ist dabei mit entscheidend. Bei Daniela Trinkls „Opening Boxes“ verhält es sich anders. Der in die Realität unseres Erlebens geholte Inhalt entzieht sich grundsätzlichen Zuordnungen.

Das Motiv der Kästen, Schachteln und Boxen beschäftigt Daniela Trinkl. Hierin findet sie mitunter Parallelwelten, die zu Bezugsquellen ihres Schaffens werden. Reliquienschreine etwa sind solche Orte. Diese präsentieren aus der Regel Gefallenes, das, was nicht mehr im Leben ist, aber auch nicht vergessen werden soll. Reliquien als totes Material benötigen Kunsthandwerk und Dekor, um sie unter alltäglichem totem Material hervorzuheben, um ihre außergewöhnliche Position in der Welt zu verdeutlichen und zu behaupten, die ihren weiteren Verbleib im Leben rechtfertigt. Der Schrein als der ihnen zugedachte Ort bildet den eigentlichen Rahmen, er dient der Zentrierung, welche die Realität in seinem Inneren dem Alltag enthebt, in dem sie sich sonst leicht verlieren könnte.

Der gleiche Kniff – hier wie dort. Ohne Kenntnis der Regeln des Umganges mit ihnen begegnen wir Reliquien wie „Opening Boxes“ ähnlich. Das, was dem einen Inbegriff von Verehrungswürdigem ist, gerät vielleicht in den Augen des Anderen zum Inbegriff von Skurrilität. Jenseits von Glaubens- und Verständnisfragen machen die Hüllen und Aufbereitungen jedoch unmissverständlich klar, dass man es bei den Objekten mit etwas Besonderem zu tun hat. Reliquienschreine und „Opening Boxes“ eint die Bandbreite und Mischverhältnisse aus Gefühlen, welche sie anstoßen. Diese führen dazu, das Präsentierte mit Sorgfalt und Vorsicht in Zusammenhang zu bringen, auch wenn das Objekt solchen Anlasses nicht zu begreifen ist. Beide eint darüber hinaus die Ambivalenz von Gefühlen, die zwischen Bewunderung und Distanznahme liegen.

 

Fremd und nicht zu kategorisieren bilden die „Opening Boxes“ portionierte Verunsicherungen. Man hat es mit gebündelten, abgezählten, platzfüllend eingesteckten und in ihr Papphaus gesetzten Elementen zu tun, die uns ratlos machen, da sie eine Menge Fragen und Befürchtungen aufwerfen. Zunächst die Frage danach, womit man es eigentlich zu tun hat. Sind es Dinge oder enthalten sie Leben? Dann eröffnet die augenscheinige Gleichförmigkeit im Inneren einer jeden Schachtel die Frage nach ihrem Anfang und ihrem Ende. Die Schachtelobjekte erwecken den Eindruck, Gebindegrößen einer potentiell viel größeren Population unbekannten Standortes vorzustellen. Der vermeintliche Ableger vor uns wirft so betrachtet Fragen auf: Wird er expandieren? Was führen diese Verunsicherer im Schilde? Gieren sie auf Erweiterung, darauf den Raum jenseits der engen Schachtel zu überfluten sobald diese erst einmal geöffnet ist? Schließlich ist das Motiv des neugierigen Öffnens unvertrauter Behältnisse bereits aus der Mythologie bekannt. Der Büchse der Pandora beispielsweise entfleuchen nicht weniger als alle Übel der Welt gemeinsam. Uneinholbar, endgültig. Menschen sind neugierig, es scheint eine schier unmögliche Sache, Schachteln verschlossen zu behalten. Auf diese Neugierde zählen auch die „Opening Boxes“.

Auch wenn die Schachteln und ihr Inhalt nicht die Weltherrschaft übernehmen, so übernehmen sie doch unser Denken. Sie stoßen es an, immer wieder, immer dann, wenn wir auf sie treffen, sie wiedersehen - und diese Denkanstöße haben das Potential, uns aus dem Alltag zu stoßen. Denn auch jenseits waghalsiger Interpretationen ist klar feststzustellen, dass das, was hier vorhanden ist, sich durch sein Entziehen und gleichzeitiges Aufdrängen, uns fremd und nah zugleich ist. Um die Verunsicherung im Angesicht von Unbekanntem zu lösen, setzt üblicherweise ein menschlicher Mechanismus ein, der uns aus der Betrachtung von Wolken vertraut ist: Das, was sich darbietet wird in Beziehung gesetzt mit Bekanntem, zu dem es Assoziationen auslöst. Es wird verglichen, zurechtgestutzt und eingegliedert. So wie die Wolken uns auf Dauer ganze Horden irdisch bekannter Formen vorführen, findet das Betrachterraster auch in den Inhalten der Schachteln reiche Ausbeute. Die Überschneidungen hier funktionieren am besten mit allerlei Organischem. Mit Wurzeln und Trieben, Eiern und Kokons, die den Assoziationsrahmen möglicher Expansion eröffnen. Und doch bleibt das, was in den Schachteln steckt, bei genauerer Betrachtung nichts davon. Jeder Bezugsrahmen ist instabil, keiner trägt, die Arbeiten sind sich selbst genug.

 

Von besonderer Bedeutung ist auch die von Daniela Trinkl imaginierte Art der Übermittlung ihrer Arbeiten an potenzielle Empfänger. Sie enstpricht der Geste des Schenkens, das vielschichtig ist. Der Erhalt von Gaben verbreitet vordergründig Neugier, Nervenkitzel und Wohlgefühl. Es gibt aber noch eine andere Seite, auf der der Erhalt von Geschenken zugleich mit einer Aufgabe verbunden ist. Geschenktes ist von Anderen uns Zugedachtes, in unsere Hände Überantwortetes. Es verhält sich als solches anders, als selbst erworbene Gegenstände. Jeder kennt die Verantwortung, die gerade bei weniger gelungenen Geschenken quälend werden kann, etwa dann, wenn wir ein nie geliebtes, geschenktes Ding unser Leben mit uns teilen lassen. Die Vorstellung, „Opening Boxes“ zu erhalten – erklärungslos und überraschend – öffnet imaginierte Szenarien ganz besonderer Art, in denen viele Faktoren zusammenkommen. Neben der Unmöglichkeit, sie funktional in den Alltag zu integrieren also zusätzlich der durch ihren Empfang als Geschenk ausgelöste Verantwortungsappell. Tatsächlich enthalten alle Kisten Objekte, die nach Fürsorge geradezu laut rufen. Die Schachteln selbst werden unter diesem Gesichtspunkt zu Brutstätten, Nestern, Bauchhöhlen. Denn die Eier, Kokons und aufwachsenden Triebe verweisen auf ihren vermeintlich aktuellen Status im Werden, auf ein im Prozess befindliches Hinarbeiten in Richtung künftigen Seins. Auch die Fragilität der Objekte macht klar, dass Vorsicht im Umgang mit ihnen zu walten hat. Wie kämen sie außerhalb ihrer Hülle und außerhalb des von uns eröffneten Schutzraumes zurecht? Was oben noch Ängste vor Übernahmeszenarien geschürt hat, kippt im Moment der Bewusstbarmachung von Schutzbedürftigkeit - „Opening Boxes“ werden zu Schützlingen.

 

Wiederkehrendes Thema innerhalb des Werkes Daniela Trinkls ist der Animismus. Menschheitsgeschichtlich ein uralter Zustand, den Westeuropäer spätestens mit der Aufklärung meinen ad acta gelegt zu haben, ist er als Denkweise weiterhin tief in uns angelegt und als Prinzip aus der Kindheit vertraut. Im animistischen Weltbild fehlt eine Vielzahl der Grenzen, die unsere vertraute Vorstellungswelt beherrschen. Jenseits des Sichtbaren gibt es hier Verbindungen. Zwischen Dingen und Lebewesen, Zuständen und Kategorien. Gegenstände leben, Denken und Fühlen kann Wirkung zeigen, Individuen kommunizieren auch über große Distanzen und ohne technische Hilfsmittel miteinander. Die animistische ist eine verbundene Welt, in der keine Klassifizierungen strikte Einheiten formen von all dem, was nebeneinander existiert. Das Öffnen der „Opening Boxes“ macht deutlich: Animistisches Denken ist uns nicht ganz entfremdet, sein Weg in unser Bewusstsein hat keine allzu große Distanz zu überwinden. Die Schachtelobjekte wecken animistische Assoziationen, formieren Schnittstellen zwischen unserem durch Vernunft und Logik strukturierten Alltag und ihrer eigenen Form der Existenz: Ihr nicht kategorisierbares Sein.

 

Das beschriebene Konglomerat gemischter Emotionen, in denen zusätzlich Konventionen greifen, sichert den Schachteln ihren Platz in unserem Leben. Als Störfaktoren stoßen diese nun, wann immer der Blick auf sie fällt, Gedankengänge an, die als geradezu subversiv zu betrachten sind. Denn hier geht es um nicht weniger als um die Frage nach der Rechtfertigung von Existenz an sich. Benötigt solche wirklich Sinn und Zweck als Legitimation? Die Schachtelobjekte führen uns anderes vor. Die reine Tatsache ihrer Existenz leitet ein Verhalten ihnen gegenüber ein, das von parasitär erworbener, an keine Bedingungen geknüpfte Fürsorge als Konsequenz des reinen Erhaltens der Schachteln und ihrer Bewusstmachung im Empfänger anschließt. Und so sind sie denn da, die „Opening Boxes“ und sie bleiben; behaupten hartnäckig ihren eigenen Raum, der zwar mit unserem in Verbindung getreten ist, jedoch stets ein abgeschlossener bleibt. Umso mehr, je deutlicher wir uns die unterschiedlichen Bedingungen ihrer und unserer Existenz bewusst machen.

Daniela Trinkl stellt mit ihren Schachtelobjekten etwas fragil und skurril exponiert in die Welt, das aus unverständlichen Sinnzusammenhängen zu stammen scheint. Diese Objekte pochen vehement auf ihre bedingungslose Existenz - und verweisen darin letztendlich auf unsere eigene.

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